Ignace Brobst ...Erlebnisbericht über den zweiten Weltkrieg

Wehrmacht, Mühlheim, 26.03.1943
Hannover, Bombardement, Sept. 1943
Italien, Oktober 1943
Macerata, April 1944
Trento, Oktober 1944
Freising, December 1944
Fronteinsatz, 6.01.1945
E.K.II - 17.02.1945
Heimatschuß , 3.03.1945
Waffenstillstand - Heimkehr, 8.05.1945

Fotos von früher - der Maler damals - der Künstler heute

Dieser Bericht ist keinesfalls ein Roman, sondern ein Erlebnis,
...könnte eher eine Beichte sein!

RAD - Österreich, Oktober 1942

Am 6.Oktober 1942 wurde ich zum Reichsarbeitsdienst - R A D eingezogen und zwar nach Österreich, im Personenzug dritter Klasse, der die Ladung ELSÄSSER von Mulhouse nach Peuerbach, Österreich verfrachtete. Die meisten waren nervlich niedergeschlagen. Bei unserer Ankunft im Lager war zwar ein großes Erstaunen kaum zur Stelle, als uns ein Vormann R A D empfing. Da bereits schon auf dem Hof einiges los war, indem die Österreicher schon zur Stelle waren, mußten wir uns gleich anschließen mit Koffer...

Wie es auch sei, war ich schon mitten im Schlammassl drin... Nur gut, wir erhielten Drillichanzüge. Die Ausbildung begann und zwar wurde das immer härter, nahezu unmenschlich. Die Rationen wurden uns fast mit dem Tropfenzähler zugeteilt, und unsere Bäuche knurrten vor Hunger, denn unser heimatlicher Reiseproviant war inzwischen wie Schnee in der Sonne geschmolzen. Ich hätte beinahe vergessen, daß die Ausbilder vom Vormann bis zum Truppenführer und Arbeitführer nur Österreicher waren!

Ja, die Gefürchtesten waren die Vormänner. Ich selbst und die meisten Elsässer hätten ihnen einen Heimatschuß versprochen. Zudem möchte ich hinweisen, daß der Truppführer sowie ein Vormann, beide waren „defroquer“- ausgetreten aus der Kirche. Leute ohne Moral, außerdem Freiwillige.

Diese Leute waren meine Vorgesetzten, zwar ihr Grinsen nicht verkneifen können, diese Elsässer "Franzosenköpfe“ werden wir schon gerade biegen und zähmen, dachten sie vermutlich und sie haben uns wirklich in ganz kurzer Zeit im Griff.
Im Lager selber gibt es Unvorhergesehenes, das muß man in Betracht ziehen. In der Unterkunft steht Sauberkeit an erster Stelle, sowie Uniform, Stiefel, Spaten und das Lederzeug auf Hochglanz poliert zu werden. Es gab auch den Befehl die WC zu reinigen; kaum einer wurde von dieser Arbeit verschont! Der Vormann machte seine Inspektion und gab den Befehl, das ganze zu wiederholen usw.. Darum ist es nicht erstaunlich,wenn man eines Tages feststellen musste, dass dies alles nur „Scheiße“ war!.Durch solche Ereignisse und Lektionen war dies für mich nicht heilsam genug.
Wissen Sie, was es heißt hunger zu haben! Damals war ich Neunzehn. So geschah es, das war an einem Samstag Morgen, daß ich mich entschloß, für einmal keinen Dienst zu tun „gedacht- getan“. Habe mich fallen gelassen, simulierte eine Ohnmacht und ich hörte eine Stimme, die schrie: kommt, der Brobst ist ohnmächtig. Kurzum wurde ich von meinen Freunden und Kameraden ins Lazarett gebracht. Zwar, immer noch regungslos, wurde ich auf ein Feldbett verfrachtet. Nach ungefähr 15 Minuten erschien ein Arzt im mittleren Alter, untersuchte mich oberflächlich und gestand mir nach einigen Augenblicken, bis auf weiteresdienstfrei. Die Begegnung des Arztes war schon ein Gefühl des Vertrauens, wie dem auch sei, zwar offen, mit ihm darüber zu sprechen.
Jedenfalls fuhr er nicht aus der Haut oder beschimpfte mich als Drückeberger.
Im Grunde genommen hatte ich keine Heldentat vollbracht, aber zumindest ist es mir gelungen, was ich wollte, wie gesagt, der Impuls war stärker! Ende gut, alles gut!

Nun zurück zum Alltag. Erlebnisse und Überraschungen standen auf dem Plan, so geschah es. Sehr früh eines Morgens beim Wecken,da ein Freund „Arbeitsmann“ Stubendienst hatte. Er musste alle Fenster aufmachen und hatte dabei vergessen, einen Teil zu befestigen. Ein Vormann, der Dienst hatte, betrachtete die Bude. In diesem Moment schloß sich mit einem Knall das Fenster infolge eines Durchzugs. Ja, so war es, wir kannten die „Nummer“. Der Ausbilder gab den Befehl: alles raus an die frische Luft! Die meisten waren noch nicht angezogen. Ich war noch barfuß mit Hose, Oberkörper noch frei. Indem er uns einige dutzend Male, dann über den Hof zum Waschraum, gab es dort eine kalte Dusche mit dem Gartenschlauch.

Na, wie immer! Einer für alle, alle für einen. Solche Spiele hatten sich mehrere Male
wiederholt. Ich hätte beinahe vergessen, und zwar einen Tischspruch, der mir im Gedächtnis geblieben ist. Immer vor der Mahlzeit (Essen) die übliche Begrüßung:

Ist dir der Löffel zu klein, so hol dir den Spaten rein!

Gleich in den ersten Tagen mußten wir zum Friseur. Ein Haarschnitt auf Streichholzlänge-Suppenschüsselschnitt. Darf ich gestehen, es war für mich sozusagen eine Verstümmelung! Jedenfalls sahen wir aus wie Häftlinge.

An einem Regentag, Ende Oktober ‘42 wurden wir von Waffen SS- Offizieren zusammenge-
rufen, die uns einzeln fragten, wir könnten uns freiwillig melden. Leider war das Ergebnis gleich Null. Nur zwei Österreicher haben sich zur SS- Division gemeldet.Durch solche Ereignisse hatten sie kaum Fortschritte in punkto militärische „Moral“ gemacht.

Disziplin und Drill waren geblieben, ja, wir mußten in den nächsten Tagen dafür büßen! Es waren immer dieselben, die auffielen, fehlte es an Glück, Geistesgegenwart, Wendigkeit oder Schnelligkeit. Außerdem, einer muß immer daran glauben! Der Ausbilder machte ihn zur Schnecke, indem er ihn robben ließ, mit „Sprung auf, Marsch“ durch die Hecke jagen mit Spaten, ja ihn über einen Wassergraben springen ließ- und manches mehr. Wir wurden dermaßen gedrillt, daß uns das Wasser im Ar.... kochte, wie es so anschaulich in der Soldatensprache hieß.

Unvergessen bleibt nicht die Lage und die Einquartierung des R A D- Lagers, denn mitten im Felde lag es wesentlich weit weg von den Ortschaften, über 3 km eines Dorfes namens „Natternbach“ und „Peuerbach“, ein kleines Städtchen etwa 5 km entfernt. Dort gab es ein paar Restaurants und noch ein Kino. Dieses habe ich einmal besucht. Es war ein Heimatfilm; er hieß „Auf Wiedersehen Franziska“.Das Resultat war eine außerordentliche und freundliche Überraschung! Sitzt „einer“ 3 Reihen hinter mir. Na! D’r Perrin Chari, mein bester Freund.

Damals waren wir zwei in denselben Zug nach Österreich. Zwar wurde seine Gruppe in ein anderes Lager verfrachtet. So geschah es, daß wir mehrere Lokale  und Weinstuben besuchten. Mehr oder weniger gab es dort etwas zum Essen. Es gab Sauerkraut, dazu Bier und Most. Es war nur eine kurze Begegnung, aber immerhin war es doll! Wir verabschiedeten uns und jeder nahm seinen Weg zurück zum Lager. Er nahm den Bus und ich zu Fuß, benutzte meist Feldwege und Wiesen, um schneller zum Ziel zu kommen. Es waren immerhin über 5 km. Das Gelände kannte ich schon vor der Ankunft in Peuerbach, denn damals mußten wir alle- von dort auch zu Fuß,mit Koffer und Gepäck die Strecke bewältigen.

Es ging auf Weihnachten zu, als ein Gerücht umging, daß die Entlassung bevorststeht. Es war schon etwas dran, denn das Verhalten der Vorgesetzten und besonders der Dienst hat nachgelassen. Wie ich vermutete, hatten sie mit uns etwas vor.

Und so war’s! Nun, Weihnachten verbrachten wir im Lager unter Freunden und Kameraden. Eigentlich war es schon erstaunlich, denn abends gab’s ein Festessen, dazu noch alkaholische Getränke. Das war schon eine Ausnahme- auch eine Art, um uns in Stimmung zu bringen. Wahrscheinlich die Erinnerungen und Unannehmlichkeiten zu vergessen! Nun gut- Schwamm darüber! Einige Tage später schritt ich durch das Tor des Lagers. Genau am 31.12.1942 gegen 19 Uhr war ich zu Hause.-Sylvester!-feiern im Elternhaus,-war und bleibt eine schöne Erinnerung.

Wehrmacht, Mühlheim, 26.03.1943

Bei der Musterung in einem Gebäude in Mulhouse stand ich vor einigen Offizieren
der deutschen Wehrmacht. Einer davon gehörte zu den Musterungsärzten. Er betrachtete meinen jungen Körper, indem ich ihm einen Brief meines Hausarztes überreichte. Der Inhalt lautet: Mittelohrentzündung und Trommelfell- Perforation am linken Ohr! Nach der medizinischen Untersuchung wurde ich nicht K V, sondern G V H , Garnison-Verwendung Heimat, gestellt. Nach meiner Entlassung vom R A D am 31.12.1942 habe ich meine Arbeit als Lehrling wieder aufgenommen. Mein Beruf war Dessinateur Textil, auf deutsch: Kunstgewerblicher Musterzeichner. Mein Lehrvertrag begann am 1. Juillet 1938 bis 30. Juin 1941 (3 Jahre), aber nach dem deutschen Gesetz mußte ich ein Jahr nachholen. Also 4 Jahre!- Na, so was!

Einige Tage weniger als 3 Monate , am 26.03.1943 wurde ich zur Wehrmacht
eingezogen. Diesmal war der Standort Müllheim (Baden), Truppenteil Kraft-Ers.-Abt.
Die Vorausbildung in Müllheim war nicht sehr streng. Außerdem war der Unterschied der Ausbilder wie Tag und Nacht zwischen der Wehrmacht und des R A D .

Wir hatten genügend Freizeit, zudem gute Gelegenheit, sich gegenseitig zu
besuchen. Ich hatte das Glück in eine Gruppe zu kommen, deren Angehörige alle aus
Mulhouse und Umgebung waren. Die Dinge gingen hingegen ihren üblichen Gang!
Die Zeit in Müllheim ging ihrem Ende zu, und damit auch die Grundausbildung. Außerdem hatten wir Gelegenheit, den Führerschein zu machen und zwar für LKW, PKW und Motorrad.

So geschah es! Ich wählte das letztere-als Kradmelder. Ich hätte beinahe die Feierlichkeiten des Fahneneids versäumt! Wir Rekruten waren in einwandfreier Ordnung angetreten. Nun die Worte: Treue, Tapferkeit..usw.,für mich war dies alles nur ein Spiel, ein aufgezwungener Treueeid! Wir waren nun fast richtige Soldaten! Am Gefechtsschießen mit scharfer Munition mußten wir teilnehmen, dazu Unterricht mit Schießtechnik usw... Nachdem wir das alles hinter uns hatten, bezogen wir ein neues Quartier, in die Marschkompanie. Diese Kompanie hatte die Aufgabe, uns so schnell wie möglich abzuschieben, sei es nach Osten oder Westen, irgend wohin an die Front.

Es dauerte allerdings nicht lange, da passierte es: Ein Unteroffizier befahl mir, mich sofort Feldmarschallmäßig, mit neuer Uniform bereit zu machen.
-Gesagt - getan! Kurz darauf wurde mir mitgeteilt, daß ich als Funker- Telefonist mit noch zwei Kumpel nach Warschau (Polen) abkommandiert werden sollte. Auf Anordnung des Unteroffiziers war noch eine Inspektion vorgesehen. So geschah es auch! Wir Drei waren einwandfrei in Ordnung angetreten. Ich rechts außen. Tatsächlich kam ein Hauptmann mit dem Unteroffizier. Er fragte nach Name usw.. Ich war als letzter dran. Der Offizier stand einige Meter von mir entfernt, er fragte mich das übliche. Nun , in diesem Moment mußte ich mich entscheiden! Jetzt oder nie. Meine Antwort blieb aus! Sofort kam der Unteroffizier zu mir und sprach mich an, was dies alles soll! Ich nahm Haltung an, entschuldigte mich, habe den Befehl nicht wahrgenommen, weil ich leider an Schwerhörigkeit leide. Sie standen da....

Die Blicke waren auf mich gerichtet, während dieser Minute, die wie eine Ewigkeit schien. Die Stimme des Hauptmanns wurde etwas lauter. Die beiden suchten eine Lösung und ich hörte von einem Ersatzmann! In diesem Moment sind die Würfel gefallen. Ja, diesmal hast du es geschafft. Kurz danach befahl mir mein Vorgesetzter, ich kann wegtreten! In der Tat, diesmal war Vorsicht geboten, ich blieb bei meiner Haltung. Unterdessen kam der Unteroffizier zu mir und sagte: Sie können gehen!...Nun, Ende gut- alles gut. Eine kurze Zeit danach, sah ich per Zufall die drei auserwählten „Funker“. Die marschierten in Richtung zum Ausgang Tor der Kaserne.-Ihr Ziel nach Osten!

Hannover, Bombardement, Sep. 1943

Es dauerte allerdings nicht lange bis zur nächsten Überraschung. Ich muß wohl das
Angebot wahrscheinlich annehmen!..Ja, ich muß mich in Zukunft mehr am Riemen reißen! Ich hatte keine Sehnsucht, mit Arrest bestraft zu werden. Dann kam der Tag, und so geschah es auch diesmal, so mußte ich mich, auf Befehle meiner Vorgesetzten, bereit halten. Der Zufall wollte es, daß zwei elsässische Kameraden, einen kannte ich schon- es war mein Freund Antoine Martiny, nach Hannover verfrachtet wurden. Die neue Einheit hies „Feldkommandatur - 1019“. Zu dieser Abteilung gehörten mehrere
Offiziere, Unteroffiziere mit Schulbildung,. Kenntnisse besonders in Verwaltung, Administration usw. Ja, so war’s! Auch  wir drei Elsässer gehörten dazu, indem wir als Kradmelder herangezogen wurden. Es war Mitte September 1943.

Der Oberfeldwebel „Spieß“ teilte uns mit, daß die Fahrt in den nächsten Tagen nach Süditalien „Frosinone“ geht, nicht weit von Monte Cassino weg. Diese Nachricht war schon für mich eine Erleichterung. Auf alle Fälle begann für uns eine neue Zeit...
Wir kriegten eine neue Uniform und zwar Sommerkleidung in „Kacki“ usw.. Von der Stadt Hannover habe ich zwar sehr wenig gesehen, die Zeit war zu kurz. Abends war meistens Luftalarm. Die Stadt lag vor Braunschweig, die fliegenden Festungen flogen meistens über Hannover hinweg, weiter nach Berlin.

Eines Abends hatte ich keine Lust auszugehen und habe mich zur Ruhe gelegt. Gegen 22 Uhr hörte ich etwas und versuchte herauszufinden, woher dieses kommen mag. Ein Blick aus dem Fenster, zu spät! Der Nachthimmel hell von Leuchtkugeln und Phosphor. Mir wurde sofort klar, was geschehen würde. Ich war oben im 2. Stock, niemand zu sehen. So schnell ich konnte, runter in den Keller. Einige Dutzend Leute waren schon unten. Das Brummen wurde unerträglich und bevor man sich der Dinge bewußt wurde, gingen die ersten Bomben auf die Stadt nieder. Die Explosionen folgten sekundenlang ununterbrochen, dann wieder war alles still.

Aber da nahte schon die zweite Welle! Zufällig war ich nahe am Kellereingang. Ich sah einen dünnen Lichtstrahl nach außen. Überall auf dem Hof lagen Brand- und Phosphorbomben! Ein neuer Bombenhagel ergoß sich über uns. Die Detanation, die Druckwellen von Luftbomben, füllten uns Augen und Mund mit feinem Staub. Jetzt blieb uns nichts mehr anderes übrig, als auf das Ende des Bombardements zu warten.... Jeder hatte die Hoffnung, mit heiler Hand davon zu kommen. Es war schon spät in der Nacht. Man glaubte, die Zeit war stehen geblieben! Nun, draußen war fast nichts mehr zu hören. Der Bombenangriff war wahrscheinlich beendet. In der Dunkelheit kannte man sich nicht mehr aus, durch Einsturzstellen und Trümmerhaufen. Nicht weit von der Kaserne war eine Flakbatterie mit Mannschaft. Sie erhielt einen Volltreffer und nichts mehr war übrig! Im Morgengrauen konnte man die Ergebnisse, sowie die Schäden besser feststellen, und man blieb wie erstarrt stehen. An der anderen Straßenseite war alles wie weggeblasen.

Es war furchtbar!!
In dem Gebäude, in dem wir Zuflucht gesucht haben- die Kaserne, haben die Gemäuer gut standgehalten, obwohl durch die Druckwelle, Fenster und ein Teil des Daches zerstört wurden. Die Brandbomben haben den Rest getan.

Wie vorgesehen, sollten wir von Hannover wegfahen, in Richtung Süden. Nun, das Aufschieben von einem Tag zum anderen wurde hinfällig! Der Marschbefehl ließ nicht lange auf sich warten. Der Aufbruch war gegen  Abend vorgesehen.

Es war keine Zeit zu verlieren! Ja, so war es! Die Dinge gingen hingegen ihren üblichen Gang. Der Transport, wie Kraftfahrzeuge, Reiseproviant, alles dies wurde auf Eisenbahnwaggons verfrachtet. Außerdem schien alles in Ordnung zu sein.

Nun, ist es so weit! Außerhalb von Hannover hat sich der Zug in Bewegung gesetzt- in
Richtung Süden! Wir waren kaum einige Kilometer gefahren, reduzierte der Zug plötzlich seine Geschwindigkeit und hielt an. Nun, man wartet auf etwas, doch wußte niemand auf was! Wir Soldaten hatten ja viel Zeit. An diesem Abend war es absolut windstill.Die Sterne leuchteten von so einem klaren Himmel. Ja, in jener Nacht, so erinnerte ich mich in einem Restaurant in Hannover, hörte ich das Lied „Heimat deine Sterne“, zwar einige Tage vor dem Luftangriff.

Wir Soldaten standen auf den Eisenbahnwaggons  und es wurde wenig gesprochen.
Die Stille war von einer zur anderen Minute vorbei. An diesem Abend war der Himmel durch die Leuchtraketen und das Aufblitzen der Scheinwerfer von den Flakgeschützen ein gigantisches Feuerwerk, das bestimmt noch ein tragisches Ende finden wird! Pausenlos folgte eine Flugzeugwelle nach der anderen, und löschte alles Leben aus. Besonders die Scheinwerfer waren immer in Aktion, die rund um die Stadt aufgestellt waren. Die Bomber flogen gerade über die Stadt hinweg und sofort suchten mehrere Scheinwerfer  ein Flugzeug mit ihrem Lichtschein einzufangen. Und so war es auch! Es passierte etwas eigenartiges: man sah im Dunkeln ein rotes Licht- ein Signal, daß mehrmals aufleuchtete. Kurz darauf wurde das Feuer der Flak eingestellt. Und siehe da, der Bomber wurde von einem Nachtjäger (Nachtflugzeug) unter Beschuß genommen. Wenige Sekunden danach- eine Explosion und die „fliegende Festung“
neigte sich zur Seite und sackte ab. Andere kippten nach vorne oder stürzten in die Tiefe. Sekunden später erfolgte, mit der Besatzung noch an Bord, die Explosion.
So dachte man doch, daß sich schwerlich auch nur ein Pilot aus dieser Hölle würde retten können. Nun, nach jedem Abschuß suchten die Bediener der Scheinwerfer ein neues Opfer!

Der Bombenangriff über die Stadt Hannover dauerte noch an und erschöpfte sich dann von selbst. Aus der Ferne beobachtete ich das Ereignis, daß sich vielleicht niemals mehr wiederholen würde!

Italien, Oktober 1943

So verging die Zeit, und der Spätsommer 1943 glüht noch in seiner ganzen Pracht.
Italien ist landschaftlich gesehen eine Naturschönheit. Leider hatte man keine Gelegenheit, um dies alles anzuschauen.Man sah auf Landstraßen Lastwagen mit Soldaten, die in Richtung Süden fuhren. So standen die Dinge! Es drohte eine ernste und akute Gefahr vom Mittelmeer her. Afrika war verloren . Die Alliierten hatten im Süden schon Fuß gefaßt. Alles übrige ging im gewöhnlichen Rhythmus weiter.

Unser Standort ist Trosinone, ein typisch italienisches Landstädtchen. es liegt auf einer Anhöhe. Die Entladung der Fahreuge wurde planmäßig durchgeführt. Kurz danach, es war gegen Mittag, hatte sich der ganze Stab in der Stadtmitte versammelt. Die Einquartierung schien sicher zu sein. Unterdessen traf etwas ein,-eine bevorstehende Gefahr! Und so war es auch! Es sind Flugzeuge. Und schon fielen die ersten Bomben. Das Ziel war der Bahnhof, der in einer Staubwolke verschwand.
Der Angriff dauerte nur ein paar Minuten, dann war wieder alles ruhig. Hätte sich unser Transport beim Ausladen etwas verzögert, hätte das ganze eine andere Wendung genommen.Denn bei einem solchen Bombenangriff gibt es nur zwei Möglichkeiten:überleben oder umkommen!

Inzwischen wurden neue Pläne ausgearbeitet und es gab keine Einquartierung in Trosinone. Nicht weit von der Stadt wurden wir auf dem Lande in einem alten Kloster untergebracht. Ringsum Weinreben, soweit das Auge reichte. Der Ort ist einmalig. Ein kleines Paradies! Ich wurde als Kurier und Kradmelder eingeteilt. Meine Aufgabe war es, immer zur Verfügung zu sein. Ich war fast jeden Tag unterwegs und mußte auch größere Entfernungen zurücklegen. So geschah es an jenem heißen Tag!

Auf Befehl ,so wurde mir mitgeteilt, mußte ich ein Geheimschreiben nach Rom fahren.
Die italienische Hauptstadt hatte keine militärische Bedeutung, weil keine deutschen
Truppen dort stationiert waren. Nur eine Kommandatur. Und nun dort, mußte ich das
Dokument abgeben. Die Fahrt durch die Stadt war etwas außergewöhlich: Spuren der
Vergangenheit, wie das Kolloseum und viele andere Bauwerke, Brücken und imposante
Grabmonumente. Besonders der Bau des Peterdoms war sehenswert!

Nun, dann war noch das Proplem, wie finde ich die Kommandatur? Auf einem freien
Platz machte ich Halt, um wenigstens einige Hinweise von Jemanden zu bekommen.
Und so war es auch! Durch mein Zeichen hatte sich ein Junge sofort genähert. Nach und nach kommen immer mehr, meist Jugendliche, auch Mädels hinzu und noch nie hatte ich eine solche Menge Leute um mich gesehen. Man betrachtete mich als wäre ich ein „Außerirdischer“. Auch Französisch diente zu unserer Verständigung, denn unter ihnen waren auch Studenten oder Schüler. Um die Wahrheit zu sagen, herrschte auf beiden Seiten rechte Sympathie. Letztendlich forderte ich einen Jungen auf mich zur Kommendatur zu begleiten. Und so hat sich alles ergeben.

Es war Oktober 1943.
Nun, begann wie immer der Anbruch des Tages. Ich setzte die Schutzbrille auf  und schlug mit meinem Motorrad „Victoria“ den Weg nach Cassino ein. Vorsicht war geboten! Denn es war nicht das erste Mal, daß ein Jagdflugzeug im Sturzflug Melder oder vereinzelte Lastwagen unter Beschuß nahm.

Die Stadt Cassino war schon teilweise zerstört und Bombentrichter waren zu sehen.
Was mich faszinierte, war für mich zum ersten Mal das Felsmassiv von Monte Cassino
zu betrachten! Die Schlacht näherte sich immer der Stadt zu. Genau am 15. Februar 1944 wurde das Kloster von amerikanischen Flugzeugen zerstört.

So standen die Dinge! Die Alliierten rückten immer näher von Süden her.Unsere Kommandatur hatte sich immer weiter zurückgezogen und diesmal in die Stadt Ascoli-Piceno. Einige Monate später in die Stadt Macerata, etwa 20 km von der Adriaküste entfernt. Fast acht Monate dauerte die Einquartierung. Sogar die Bevölkerung hat sich an uns gewöhnt. Probleme oder Zwischenfälle gab es nie. Ein großes Gebäude diente der Unterbringung nur für Unteroffiziere und Mannschaften. Die Stabsoffiziere hatten Privatwohnungen, nebenbei noch eine junge „Sekretärin“...Bitte, hier handelt es sich zwar nur um einen Ausnahmefall!


Macerata, April 1944

Es war April 1944. Niemand war imstande zu sagen, wie dieser Krieg zu Ende
gebracht werden konnte! Briefe von zu Hause, die mit bedrückender Langsamkeit eintrafen, waren das Einzigste und brachten einen Hauch von der Heimat.

So standen die Dinge. Für uns Kradmelder hatte dies alles noch keinen großen Einfluß. Trotzdem, die Dienstfahrten für D.K.V. waren schon spärlich geworden. Bolgna benützte ich die Straße Via Emilia über dem Fluß Po bis nach Milano und die Städte Cremona- Pavia usw.Auf den Landstraßen fuhren Lastwagen mit Kriegsmaterial und Soldaten, alle in Richtung Süden und besonders gegen Abend. Denn bei Tag wurden sie von „Jabos“ beschossen. Die Soldaten sollten in erster Linie den Vormarsch des Feindes, so lange wie möglich, aufhalten.

Trento, Okt. 1944

Inzwischen gab es bei uns in der Kommandatur eine neue Parole und zwar Quartierwechsel in die Stadt Trento in Norditalien. Diesmal der letzte Zufluchtsort, und so war es auch! Die Feldkommandatur hatte vom militärischen Standpunkt keine Bedeutung mehr. Die Ereignisse überstürzten sich. Die meisten von uns wurden wieder ins Reich abgeschoben. Ich wurde nach Lindau (Bodensee) verlegt.Was mich betrifft, kann ich gestehen, war der ganze Tagesablauf und die Erlebnisse als Kradmelder für mich ein Abenteuer, fast wie eine Legende. Auch hier möchte ich mich kurz fassen. Ich habe mit dem Motorrad über 30 000 km zurückgelegt.

Und noch ein paar Worte: trotz der Kriegsgeschehnisse gab es für mich als jungen Menschen auch schöne Zeiten, die mit dem Schicksal verbunden waren. Wie vorgesehen , wurde ich nach Lindau verfrachtet Zugeteilt und ausgebildet wurde ich als
Granatwerfer. Ein paar Wochen hatte der Kursus gedauert.

Freising, Dezember. 1944

Wie üblich, um der Zeit zuvor zu kommen, wurden wir nicht verschont, nämlich , wir wurden nach Freising verlegt. Die Stadt liegt etwa 30 km nördlich von München. Einquartierung erfolgte in der Marschkompanie. Genau ab 22.12.1944 bis 4.1.1945 hatte ich meinen Einsatzurlaub. Ich war beim Appell zugegen. Alle Urlauber wurden aufgerufen und einzeln befragt,- das übliche, Name, Wohnsitz usw.. Das Unvorhergesehene ist eingetreten: ich nannte meinen Heimatort , bin Elsässer! Der Vorgesetzte war etwas überrascht, in dem er mir mitteilte, daß ich dort nicht mehr hingehen könnte, weil Elsaß Kriegsgebiet ist und von den Alliierten eingenommen worden ist. Die meisten Urlauber waren schon fort und man glaubte, sie hätten sich vertreiben lassen. Eigenartig war es schon, denn plötzlich sah man nur noch zwei Soldaten allein auf dem Kasernenhof. Ein Feldwebel und ich, ein Elsässer! Etwas trauig war ich schon,denn man hoffte, bei einer solchen Zusammenkunft mindestens ein oder zwei Elsässer zu begegnen. Wahrscheinlich waren die meisten schon in Rußland in Gefangenschaft oder auf dem besten Wege Helden zu werden, ob sie es wollten oder nicht. So verging die Zeit. Die vierzehn Tage Urlaub verbrachte ich in der Kaserne. Für Abwechslung war gesorgt. Gemütliche Cafes und Restaurants luden zum Verweilen ein. Andere Möglichkeiten gab es nicht.

Dezember 1944
Der Winter ist da, der mit einem weißen Mantel aus Schnee die Dächer, Wiesen und Felde bedeckte.
Nun ist Weihnachten, die Kirche erhielt seine treuen Besucher. Doch Krieg und Not, ja schlechte Zeiten müssen die Menschen heimsuchen, damit sie wieder zu Gott finden! Es ist Heiliger Abend. Auch ich war in der Mitternachtsmette.

Ich erinnerte mich an meine glückliche Kindheit, christliche Schulung, in der ich fast täglich die heilige Messe erlebte, dazu monatliche Beichte und Rosenkranzbeten.
Wie stolz war ich gewesen, Meßdiener zu sein. Man war schon in Gedanken versunken
und es war ein eigenartiges Gefühl, am Ende des Gottesdienstes, als alle sangen: „Stille Nacht - Heilige Nacht“. Man empfand schon so etwas wie Sehnsucht, eine Art Heimweh!

Fronteinsatz, 6.01.1945

Genau am 6.Januar 1945, es war mein Geburtstag, dachte ich, ob dieser Tag wohl etwas schönes bringen würde? Ja, an jenem Morgen wurden wir auf Güterwägen verfrachtet. Ziel nach Osten! Endstation, irgendwo in Schlesien, in einem Landstädtchen. Aber dort in der Kaserne spürte man, daß die Atmosphäre gespannt war. So standen die Dinge! Es war gegen Mitternacht, als der Befehl zum Aufbruch kam. Mit LKW’s verfrachtete man uns weiter an die Front. Jeder von uns verfügte über einen Patronengurt mit Schuß. Mit mehr waren wir nicht bewaffnet.

Noch, bevor der Tag anbrach, waren wir zur Stelle. Kein Schuß fiel, kein Schlachtenlärm war zu hören. An jenem Januarmorgen ging alles in der üblichen Weise vorsich. Wir wurden in Gruppen unterteilt. Ein Unteroffizier erteilte uns den Befehl: Es suchte einen Freiwilligen. Aber die Gruppe hatte keine Reaktion gezeigt. Die meisten von uns waren Reservisten und nicht mehr die jüngsten. Er wiederholte den Befehl! Alle standen da, einige Blicke auf mich gerichtet. Ja, ich schämte mich ein wenig! Ich meldete mich freiwillig. Über meinen Eifer war ich selbst erstaunt. Es war zwar nicht meine Art. So geschah es! Der Unteroffizier sah mich an und sagte, du bleibst jetzt bei mir! Den anderen hatte er angeordnet, sich zu verschanzen und weiter nach vorne zu gehen. Inzwischen haben wir zwei uns in einer Baracke einquatiert.Die Ortschaft Wahlstadt lag etwa 200 Meter von der Autobahn nach Breslau weg.

Der Unteroffizier gab mir ein Stück Papier und Bleistift und ich sollte nach vorne gehen, um die Namen von einigen Soldaten aufzuschreiben. Nun, was für einen Sinn hatte es schon? Ich ging nach vorne. Einige Soldaten standen auf der Autobahn und ein Unteroffizier, der mit dem Fernglas das Feld absuchte. Durch den leichten Morgennebel sah er braune Uniformen. Ich hörte noch wie er sagte, es könnte die Formation „Feldherrnhalle“ sein, wahrscheinlich zur Ablösung. Plötzlich erkannte er die Gefahr, zu spät, es waren Russen! Als die ersten Schüsse fielen, warfen wir uns nieder, fest entschlossen, uns nicht von der Stelle zu rühren. Ein junger Leutnant richtete seine Pistole gegen uns, erreichte aber damit nichts. Ein Feldwebel, der auch in der Nähe war, verständigte durch Zeichen und Zurufe und ich hörte,wie er sagte:“Ich werde mich um sie kümmern“. Und so war es auch. Um ehrlich zu sein, Angst hatten wir in dieser Stunde schon gehabt! Von allen Seiten wurden wir unter Beschuß genommen und wir wurden gezwungen, uns zurückzuziehen.

Die Granaten explodierten ganz in unserer Nähe. Ganz allein und sich selbst überlassen, waren wir als Infanteristen bei einem Angriff. Es kam zu einem Kampf, in dem nur das Glück und der Zufall über das Schicksal des Einzelnen entschied. Jeder schoß ohne zu überlegen, ob es richtig war! Man schoß, um nicht selbst getötet zu werden. Den Jungen mangelte es an Kampferfahrung und die alten erfahrenen Krieger wurden immer weniger. Früher oder später ereilte ihnen ihr Schicksal!

Hinter einer niedrigen Mauer konnte man die Russen beobachten. Sie waren näher als 50 Meter vorgerückt. Per Zufall konnten wir zu viert hinter einem Transformatorenhäuschen Schutz finden. Wir waren ständig auf der Hut. Ich spürte ich in mir einen Trieb,- man kann es nicht beschreiben, wie eine drängende Stimme: hier darfst du nicht bleiben! Ich robbte im Straßengraben etwa 30 Meter entlang. Kurz danach detonierte dort eine Granate, wo ich eben noch gestanden habe! Ich hörte nur einen Schrei! Einer kam von dort, war an einem Bein verwundet, robbte an mir vorbei bis zum äußersten Ende der Straße. Dort erhielt er den „Heimatschuß“!

Die Schwierigkeiten ergaben sich, wir mußten uns immer niederwerfen. Jeder suchte
etwas Deckung, denn das feindliche Feuer war zu stark. Man war so fassungslos, dass man nicht einmal mehr klar denken konnte.

Wir waren nur eine kurze Strecke gegangen, ein Versuch, etwas zu riskieren. Einer neben mir fiel, ohne einen Laut zu geben, während ich sofort hinter einem Misthaufen Deckung suchte. Auch hinter dem Misthaufen postierten schon zwei Jungs. Wer anhielt, um einen Kameraden zu helfen, den erreichte eine Kugel. Die Scharfschützen waren immer auf der Hut, kennen kein Mitleid!

Es gab Augenblicke, man dachte an zu Hause und sprach innerlich wie ein Gebet: lieber Gott, laß mich nicht im Stich! Den Glauben trug ich immer in mir. Ja, die Angst war jung und wollte leben!

Den Eindruck, den man hier bekommen hat, war unbeschreiblich. Die Situation, sowie die Deckung hinter dem Misthaufen, war auf keinen Fall günstig. Einer der Jungs war, trotz Warnung, etwas unvorsichtig. Wir waren in Kniestellung. Genau in dieser Sekunde erreichte ihm fast eine Kugel, sie durchschlug eines der Epaulette. Die Kugel schlug hinten in die Mauer ein. Der Junge erhielt so einen Schreck, daß er kein einziges Wort herausbringen konnte. Wir versuchten uns weiterhin in Sicherheit zu bringen, hinter einer Scheune. Und was sah ich da? Eine Gruppe Soldaten stand untätig da. Einige rauchten, waren mutlos, wollten aufgeben. Inzwischen entdeckten wir einen Schweinestall zur Deckung, der Zufall wollte es. Tatsächlich war ein Schwein und ein paar Gänse darin. Es war ein schmaler Gang und hinten eine Öffnung. Ich stand ganz in der Nähe und neugierig wagte ich einen Blick raus. In diesem Moment gingen zwei kahlgeschorene Russen (Mongolen) ohne Kopfbedeckung gerade unter dem Fenster vorbei.

Ich sah nur ihre Köpfe. Ich gab den anderen ein Zeichen und sagte leise: die Russen!! Der Gedanke, sich hier zu verstecken, war nicht sonderlich gut! Ohne sich auch nur einen Augenblick zu besinnen, hörte man Schüsse. Wahrscheinlich haben sich die zwei Russen wieder in Sicherheit gebracht.

Plötzlich jedoch wurden in dem Stall Stimmen laut, man sprach von Gefangennahme.
Wir waren vier Mann in diesem Versteck, einer um die Vierzig, ein Obergefreiter sowie
ein junger Schlesier-Willy.

So verging die Zeit und wir waren alle überzeugt, daß etwas geschehen war.Aber, was es war, musste man erst in Erfahrung bringen. Plötzlich wurde es ruhig. Das Erscheinen von deutschen Panzern nahe am Dorf und auf der Autobahn, löste eine Panik aus. Und die Russen kehrten zu den Ausgangsstellungen zurück.

Überall lagen Gefallene. Einige lagen in einer Scheune mit Kopfschuß! Ein Toter lag auf einem Steinhaufen, nur mit Unterhose und Unterhemd bekleidet. Uniform und Stiefel wurden ihm abgenommen. Ein toter Soldat, an einer Haustüre sitzend, starrte mit weitoffenen Augen nach oben. Die Verluste waren sehr hoch! In unmittelbarer Nähe lagen auf dem Feld viele Russen und Deutsche.

Man war zutiefst erschüttert. Man stellte sich immer wieder die Frage: warum dies alles? Unglaubliche Dinge haben sich hier ereignet. Es gab nur zwei Wege: überleben oder umkommen! Die Dunkelheit brach ein und in der Dämmerung erschien alles etwas unheimlicher. Die Sanitäter hatten längst darauf verzichtet, die Gefallenen aufzulesen.

Die Zeit verstrich mit verzweifelnder Langsamkeit, Angst und Ungewissheit. Wir haben uns zu lange im Versteck aufgehalten und wir mußten uns sofort bei der Truppe anschließen. Wir waren überzeugt, vor allem keinen Fehler zu machen.

Das einzige, was jetzt zu tun sei, wäre ein Trick! In der Tat, muß der Ältere eine Behinderung simulieren und zwar eine Fußverstauchung! Ohne Zeit zu verlieren, stießen wir auf eine Patrouille, es kam zu einem Verhör! Es blieb ihnen nichts anderes übrig, als sich mit der Tatsache abzufinden.

Inzwischen kam ein neuer Befehl. Alles, was noch übrig war, wurde zusammengerufen und musste sofort wieder neue Stellung beziehen. Es gab schon lange kein warmes Essen mehr. Und was kam, bestand aus einer warmen Brühe mit ein paar Fleischstücken drin. Zu wenig, um den Hunger zu stillen. Kaum hatte man sich in Stellung begeben, wurde man von Müdigkeit übermannt. Man versuchte eine möglichst bequeme Schlafstellung, während mein Freund Willy die Wache übernahm. Dies geschah auch gegenseitig.

Noch bevor der Tag anbrach, mußten wir etwa 200 Meter weiter nach vorne, eine neue Stellung ausheben. Ein Zweimann- Schützenloch! Na, so was! Ich versuchte selbst ein Loch zu graben. Kaum hatte ich dreißig Zentimeter Erde weggeschaufelt,dachte ich, das würde genügen und legte mich hin. Ich war immer ein Anhänger von möglichst geringer Anstrengung! Der andere versuchte senkrecht weiterzugraben und so groß genug war, um ihn aufzunehmen. Unglücklicherweise kam ein Offizier vorbei , sah mich und forderte mich auf, sofort das Loch senkrecht zu beenden. Nun, es blieb mir daher nichts anderes übrig!...

Kurz darauf traf eine Meldung ein und man forderte uns auf, das eigene Schützenloch zu verlassen und sofort das rechtsliegende Loch zu übernehmen. Gesagt - getan! Minuten später wußte wir alle, sie haben beschlossen, ein MG 42 mit zwei Mann in das erste Schützenloch in Stellung zu bringen. Schließlich war ich selbst überrascht, einen so tadellosen Bau, ein Erdloch vorzufinden. Pech hatte wohl der Kumpel auf meiner linken Seite: er mußte leider nochmals ein Loch ausheben. Na, wie immer! „Einer für alle, alle für einen“.

Der folgende Morgen war klar und ohne Nebel. Wir wurden von vorne und von der Flanke her gleichzeitig unter Feuer genommen. Es dauerte nur ein paar Minuten und dann war alles wieder ruhig. Das deutsche MG 42 schoß auf alles, was sich regte. Ab und zu erkannte man die Russen, die einzeln oder in Gruppen ins Geländeeinstürmten, wurden von uns auch mit den Karabinern beschossen.

Im Winter bricht die Nacht so schnell herein, man rollte sich fröstelnd in Deckung zusammen und hielt Ausschau, bis die Augen schmerzten. Wir mußten auf jedes Geräusch achten, jede Kleinigkeit konnte das Leben kosten! Zum Anbruch eines neuen Tages könnte das Rad des Schicksals eine neue Drehung bekommen. So bereitete man sich in beiden Lagern auf den Angriff vor, in der Hoffnung, daß es eine Entscheidung bringen würde. Die Wahrheit sah jedoch ganz anders aus! Jeder Kontakt zu den umliegenden Truppen war unterbrochen. Etwa 2 km von uns hatten die Russen die rechte Flanke mit Panzern durchstoßen. Die Kanonenschüsse waren immer deutlicher zu vernehmen.

Wir sind praktisch fast umzüngelt, und wenn man sich nicht sofort zurückziehen
würde, dann wären wir völlig abgeschnitten. Der Befehl zum allgemeinen Rückzug traf nicht ein, es ist endgültig zu Ende.

Es war bereits dunkel, als die Soldaten aus ihren Schützenlöchern herauskamen.
Für uns begann jetzt etwas neues,nämlich Gefangenschaft! Das Schicksal mußte entscheiden, niemand konnte wissen, auf welche Art und Weise!

Zum ersten Mal war diese Nacht verhältnismäßig ruhig verlaufen. Die Stille, das Gefühl, die Gleichgültigkeit, der Wunsch, sich einfach niederzusetzen. Es wimmelte von Soldaten. Jemand gab Befehl: Ein Oberleutnant hatte uns in Kenntnis gesetzt, daß er einen Durchbruch durch die feindliche Linie erzielen wolle, um dadurch eine rasche Vereinigung mit den Truppen herzustellen.     

Doch es gab viele, die glaubten nicht an den Erfolg einer solchen Aktion. Man wußte sehr wohl, es gab nur zwei Möglichkeiten. Niemand wollte von den Russen gefangen genommen werden. Ich habe den Entschluß gefaßt- der mir vernünftig schien, mich der Kolonne anzuschließen.

Der Weg führte über Felder und Wiesen, zwischen Ortschaften hindurch. Besonders schrecklich waren Trostlosigkeit und Grauen! In dieser Nacht brannten einige Bauernhäuser und Scheunen noch. Es war kalt und es schneite ein wenig. Ein leicht ansteigender Fußweg führte auf eine Anhöhe. Der Oberleutnant blieb mit der Kolonne auf halbem Wege stehen und sah sich um. Man hörte Geräusche, die immer deutlicher wurden. Ab und zu schien es, als ob man russische Stimmen hörte. Hinter dem Hügel bahnten sich Panzer mühsam ihren Weg. Nun, diesmal war die Lage sehr brenzlig. Während man sich eine Ruhepause gönnte, waren viele zurückgeblieben. Es gab eine kleine Gruppe erschöpfter Männer, die schon seit langem nur noch wenig zu essen hatten und kaum schliefen. Der traurige, ermüdente Marsch dauerte die ganze Nacht.

Während es am Himmel langsam heller wurde, waren wir alle überzeugt, daß die Aktion ein Erfolg war. Es war kein Freudentaumel, sondern ein erleichtertes Aufatmen!
So ging es weiter. Trotzdem drohte in jenen Tagen eine ernste und akute Gefahr durch
den ständigen Rückzug. Man war sicher, daß alles bald zu Ende sein wird. Die Dinge gingen hingegen ihren üblichen Gang. Soldaten trafen in kleinen Gruppen ein und verschanzten sich so gut wie möglich, wo sie konnten.

Auch wir wurden von neuem eingesetzt, denn man konnte es sich jetzt nicht mehr leisten, die Einheiten ausruhen zu lassen.

Die Dunkelheit setzte ein. Nur die Artilleristen setzten ihre monotone Arbeit fort: Von Zeit zu Zeit ein Schuß, um die anderen zu warnen, daß sie auf der Hut waren!...
Die Tagesberichte wiederholten sich mit beängstigender Eintönigkeit. Weitere Durchbruchversuche der Russen! Doch die Ereignisse hatten inzwischen zu einer unhaltbaren Lage geführt. Jeder dachte nur noch, wie er sich selbst retten konnte. Auch diese Tage gingen ohne sichtbaren Fortschritt vorbei.

Noch bevor ein neuer Tag anbrach, kam ein Melder in die vorgeschobene Linie. Er sprach mich an, als ich mit dem Maschinengewehr MG 42 in Position lag. Er fragte nach meinem Namen. Auf Befehl von oben , gab er mir Erlaubnis, mich zurückziehen zu dürfen und zwar zum Gefechtsstand der Division, nahe eines Dorfes. Nun, es blieb mir nichts anderes übrig. m Inneren war man pessimistisch, wie alle!

Im Leben gibt es Unvorhergesehenes! In der Zwischenzeit mußte ich meine Sachen, sowie meine Klamotten in einem einwandfreien Zustand bringen. Man schimpft gegen den Krieg, aber zuletzt wird man noch mit dem „Eisernen Kreuz“
ausgezeichnet. Dies war schon erstaunlich!- Als Elsässer!

E.K.II - 17.02.1945 

Am 17. Februar 1945, auf Anordnung eines Majors, erhielt ein Feldwebel das EK I und wir fünf Mann bekamen das EK II überreicht. Als Dankbarkeit erhielten wir ein paar Stunden Ruhepause. Als die Nacht hereinbrach, bin ich wieder zur eigenen Linie zurückgekehrt.

An jenem kalten Februartag, die Gedanken waren wo anders, waren alle Bemühungen zwecklos. Es blieb daher nichts anderes übrig, als zu warten. Auf etwas zu warten, wovor man nichts genaues wußte. Etwas, was unsichtbar in der Luft hing, aber trotzdem spürbar war.

Die Soldaten warteten in den Schützenlöchern und waren von feindlichen Störfeuern
ausgesetzt. Jede weitere Bewegung war unmöglich. Die meisten waren fest davon überzeugt, daß die Russen bald einen neuen Durchbruch starten würden. Die Zeit verstrich. Erst bei Einbruch der Nacht wurde es wieder ruhig.

Ein neuer Tag brach an. Ich wurde nochmals in Kenntnis gesetzt, daß ich mich wieder im Dorf melden sollte. Ich hielt den Befehl für übertrieben! Bei meinem Eintreffen erhielt ich den Auftrag, mich sofort einer Gruppe anzuschließen. Mir wurde die Arbeit als Granatwerfer zugeteilt. Diesmal glaubte ich es geschafft zu haben. Denn nur ein paar hundert Meter trennten uns von der Frontlinie. Ich hatte eine Art „Dach über dem Kopf“ und trockene Kleidung. Das Dorf war öde und fast ohne Menschen und es herrschte ein Gefühl von Trauer und Verlassenheit.

Die Granatwerfer waren getarnt und richteten ihre Mündungsrohre gegen den Feind.
Auf Befehl, und schon nach wenigen Sekunden trafen die ersten Granaten die feindlichen Linien. Aber der tägliche Munitionsverbrauch ist längst kontigentiert worden.
Es bestand darüber kein Zeifel, daß auch unsere Stellung erkannt worden war. Aufgrund dieser Vermutung beschloß man deshalb Stellungswechsel. Wie üblich und nach Befehl wurde der Granatwerfer in Stellung gebracht. Dabei war meine Aufgabe, daß ich genau die Entfernung einzustellen hatte. Danach gab ich meine Zustimmung:“Feuer frei“!
Plötzlich spürte ich einen harten Schlag an meinem rechten Knie.Als ich in Kniestellung war, hatte sich durch den Abschuß die Bodenplatte zurüchgeschoben. Sie drang in mein Knie ein und riß mir eine klaffende Wunde auf. Ich war überrascht, als aus der blutenden Wunde das Bindegewebe rausragte. Die Schwierigkeiten ergaben sich nach den ersten Schritten. Es war nur eine kurze Strecke bis zum Bauernhaus. In diesem Haus fand man einen jungen Leutnant und ein paar Soldaten vor. Sie saßen da! In mir wurde ein sonderbares Gefühl wach. Trotz der Verletzung spürte man einen neuen Lebenswillen in sich. Nach all den Worten, die vom Leutnant ausgesprochen wurden, war für mich klar, daß der Krieg zu Ende ist. Ich habe dabei eine Gelegenheit gefunden, zurückzugehen. Dies war ein „Heimatschuß“! Kurz danach trat der Leutnant zu mir und überreichte mir seinen Spazierstock und sagte mir, ich hätte ihn mehr nötig. Dafür drückte ich meinen besten Dank aus.

Heimatschuß, 3.03.1945

Einige Stunden später brachten sie mich zum Verbandsplatz und danach in ein Feldlazarett. Dort wurde mir ein fester Gipsverband angelegt. Nach einiger Zeit spürte ich starke Schmerzen. Es war nämlich verkehrt, bei Schwellungen und Blutungen einen Gips anzulegen. Für mich gab es nur die Möglichkeit,so schnell wie möglich den Verband zu entfernen, sei es von der Pflegschaft oder von mir selbst. Inzwischen hatten sie die Zustimmung dazu gegeben. Es ging alles in der üblichen Weise vor sich, indem wir nach Bad Schandau verlegt wurden. Die Stadt lag an der Elbe, etwa 30 km von Dresden. Nahe am Fluß war ein Hotel, das als Kriegslazarett benutzt wurde. Im zweiten Stock wurde ich in einem kleinen Raum untergebracht. Es war für zwei Mann bestimmt. Hier fühlte man sich ganz besonders wohl, endlich ein richtiges Bett. Endlich schien es so, als ob die Dinge eine gute Wendung nehmen würde!

Es war März und man wußte, daß nur einige Tage bis zum Frühlingsanfang fehlten. Es war alles andere, als eine schöne Jahreszeit! Wie es meine Gewohnheit war, griff ich zu meiner Lieblingsbeschäftigung, das Zeichnen. Jene Skizze war meine Verbindung mit der Außenwelt. So vergingen die Wochen. Jeder fragte sich, wie es wohl weitergehen würde? Die Armeen Stalins standen schon an deutschen Grenzen , die Alliierten rückten dem Territorium des Reiches immer näher. Außerdem ließen sie dem Dritten Reich keine Atempause mehr. Auch Bad Schandau mußten wir verlassen. Auf Befehl zum „Allgemeinen Rückzug“ wurden wir in ein anderes Lazarett verlegt.

Am 4.5.1945 sollte ich aus dem Lazarett entlassen werden. Mein Knie war noch nicht ganz in Ordnung. Aber bei dem verzweifelten Mangel an Männern, konnte man nicht auf die verzichten, die mit Mühe und Not in der Lage waren, ein Gewehr in den Händen zu halten. Ein Grund mehr, ich erkannte noch rechtzeitig die Gefahr, habe ich es mit List versucht, dem Arzt mitzuteilen, daß mein Knie noch entsetzlich schmerzen würde. Darauf wurde eine Operation genehmigt. Mein Plan war gelungen.

Waffenstillstand, Heimkehr, 8.05.1945  

Es war schwierig im Lazarett festzustellen, ob diese Information der Wahrheit entsprach oder nicht! Doch während der Nacht wurden die eingelaufenen Berichte bestätigt: Es ist wirklich wahr: Es ist Waffenstillstand und alles ist zu Ende. Deutschland hat kapituliert! Nun wuchs endlich die Hoffnung auf eine baldige Heimkehr! Es wimmelte von Zivilisten und Soldaten auf den Straßen.

Niemand aber wußte in diesen Tagen, wo die Russen geblieben sind. Wahrscheinlich war dieses Gebiet und zwar an der tschechischen Grenze von den Russen umgangen worden? Jeder wußte, daß man keine Minute verlieren durfte. Unterwegs kamen wir an einem Dorf vorbei und wir waren erstaunt zu sehen, daß die Häuser mit der tschechischen Nationalfahne beflaggt waren. Für sie ein großes Ereignis, denn die Russen waren ihre Befreier. Man spürte die Feindseligkeit der Tschechen, was zu verstehen war! Wir, die besiegten Barbaren! Nach einer gewissen Marschzeit erreichten wir wieder deutsches Gebiet.

Mein Kumpel und ich standen am Straßenrand, wie zwei müde Helden. Plötzlich hielt ein PKW. Darin saßen vier Offiziere von der Waffen- SS, die ebenfalls auf dem Rückzug waren. Zwei davon stiegen aus und einer der sitzenden Offiziere lud uns zwei ein und die zwei anderen haben vorne auf dem Schutzblech Platz genommen. Nun, die Fahrt geht weiter. Einen Augenblick lang herrschte Stille, doch dann plötzlich sprach ein SS- Mann von der Nachricht des Tages. Er wollte es wahrscheinlich nicht wahrhaben, denn er sprach vom Weitermachen.

Na, so was! Nun hatten wir schon einige km zurückgelegt und dann stoppten sie ihr Fahrzeug. Grund war ein Befehl! Der Zufall wollte es, daß ein mit Soldaten und Zivilisten besetzter Reisebus da stand. Ein SS- Mann nutzte sofort die Gelegenheit und forderte den Busfahrer auf, uns zwei mitzunehmen.Ja, so war es! Nach einer gewissen Fahrzeit erreichten wir eine Ortschaft. Der Weg war nun versperrt.

Groß war das Erstaunen, als wir die ersten Amerikaner sahen! Wir haben das Ziel erreicht. Alle Fahrzeuge, auch LKW’s mußten die Hauptstraße verlassen, durften nur auf Nebenstraßen oder auf freiem Gelände. Man hat sich nicht vorgestellt, daß alles so leicht sein würde! Ja, zwei Schicksale: die Sieger und die Besiegten. Rechts und links der Straße nur Waffen, Gewehre! Das geschlagene deutsche Heer wurde entwaffnet. So standen die Dinge! So wartete man auf den Anbruch eines neuen Tages. Am kommenden Morgen, es war ein schöner Tag, hat sich in der Zwischenzeit alles beruhigt. Ich faßte den festen Entschluß, etwas zu tun. Ich suchte einen Ausweg, um weiter zu kommen. Man hielt Ausschau und siehe da, auf der Hauptstraße fuhren amerikanische Transportwagen und Jeeps. Dort befand sich auch eine Kreuzung, die von einem Amerikaner als Verkehrspolizist bewacht wurde. Plötzlich sah ich zwischen den amerikanischen Lastkraftwagen Fahrzeuge, gehißt mit der französischen Fahne.
Es könnte sich nur um Franzosen oder um französische Gefangene handeln. Und so war es auch! Ich nutzte die Gelegenheit und näherte mich einem amerikanischen Soldaten und teilte ihm mit, dass ich Franzose bin. Ich zeigte ihm meine „Carte d’indentite“. Zwar hatte ich immer gehofft, das diese Papiere mir eines Tages nützlich sein könnten im Falle einer hoffnungslosen Einkesselung, oder, wenn ich gefangen genommen werden sollte. Der Soldat gab seinen Worten durch Gesten Ausdruck und sagte: o.k.! Für mich war alles klar.

Kurz darauf wurde ich von zwei deutschen Soldaten angesprochen. Sie fragten nach meinem Benehmen und was ich da wollte! Ja, sie erhielten meine Antwort: „Ech be a Elsasser, ech fahr heim“! Eine kurze Atempause zwischen uns drei! Einer sagte darauf:“mer sen o Elsasser“! Darauf war ich nicht gefaßt! Dies war schon ein Erlebnis, nach so
langer Zeit. Ja, wieder“ met Elsasser za ma se“.Außerdem wollten die Zwei unbedingt mit mir gehen! Ich sollte bei dem Amerikaner nochmals einen Versuch machen. Ich befolgte ihren Rat und hatte auch diesmal Glück! Leider mußte ich ihnen mitteilen, daß das Weite zu suchen in dieser Uniform, nicht möglich sei. In der Tat müssen wir aussehen wie Zivilisten. Alles muß weg, nur mit Hose und Pulli.

So geschah es! Bin wieder zum Bus zurück und gestand ihnen, Elsässer zu sein und teilte ihnen mit etwas aufgeregter Stimme mit, daß ich nach Hause fahren würde. „Adieu“!...
Endlich schien es, als ob die Dinge eine gute Wendung nehmen würde. Es dauerte nicht lange, tauchten einige Fahrzeuge auf. Ein kleiner LKW mit Plane wurde von Amerikanern gestoppt. Und so verlief dies alles ohne Probleme. Wir Drei wurden aufgenommen und die Fahrt ging sofort weiter. Auf alle Fälle begann für uns Drei eine neue Ära. Wir durften kein Risiko eingehen. Zwar wurde nur französisch gesprochen, was zu verstehen war. Der Tag verlief ohne Zwischenfälle. Unterwegs verbrachten wir eine Nacht im Freien. Ja, so war es und kam es! Wir waren auf dem Weg nach Westen, ja, nach der Heimat! Irgendwo in Bayern, nahe einer Ortschaft, war der Weg versperrt.Wir wurden eingesammelt und in eine Kaserne eingeliefert. Die Amerikaner waren auch mit anwesend. Ich hatte das Glück, in eine Gruppe mit den beiden Elsässern zu kommen.Der eine war von Sainte- aux- Mines und der andere von Strasbourg. Beide waren auch leicht verwundet.

Als Tagesration erhielten wir Gemüsedosen mit Fleisch. Das war für uns ein echtes Festessen. Groß war mein Erstaunen darüber, daß die Amerikaner ein qualitativ königliches Mahl auf einem Tablett mit mehreren Abteilungen erhielten.  Dann kam der Tag und es wurden Formulare verteilt. Jeder mußte seine Identität angeben. Zum Glück war unser Aufenthalt von kurzer Dauer. Nun war es so weit! Endlich wurden wir auf LKW’s „Dodge“ verfrachtet.Die Fahrer waren nur Schwarze aus Mississippi oder von Chicago. Mit Höllentempo, durch Land und Dörfer, wurde die Fahrt durchgeführt. Was mich beeindruckte, war, daß viele Ortschaften mit weißen Fahnen beflaggt waren. Na, wo sind denn die Hakenkreuzfahnen geblieben? Man hat schon viele Kilometer zurückgelegt und so sind wir,wie vorgesehen, in das französische Lager eingetroffen. Schließlich war dieses Lager nicht nur für französische Kriegsgefangene vorgesehen, sondern auch für Zivilisten als Zwangsarbeiter“service du Travail obligatoire ou deportes“. Dann kam der Zug, mit dem die französische Armee uns Heimkehrer weiterleiten mußte. Wir wurden auf Güterwagen verfrachtet. Das Ziel war“vers la France“, Endstation war „Songuyon“(MEUSE).

Die provisorischen Verhältnisse im Lager dauerten nicht lange an. Bereits am ersten Tag wurden uns im Lager unmögliche MengenD.O.T.-Pulver mit Luftdruckgebläsen verabreicht. Unsere Identität wurde genau mit unseren Papieren oder unseren Angaben überprüft. Einige Tage später wurden wir mit Entlassungsschein aus dem Lager entlassen:“Fiche de demobilisation“. Dann ging die Fahrt weiter per Bahn, über Belfort- Altkirch- Mulhouse. Ohne Zeit zu verlieren, habe ich mich entschlossen, in Altkirch auszusteigen.. Zwar mußte ich den Weg nach meinem Heimatort Enschingen zu Fuß antreten. Es waren knapp 7 Kilometer. Da mir die Verletzung am rechten Knie immer noch schmerzte, verlangte die Tour von mir viel Zähigkeit und Ausdauer.
20. Mai 1945- Am Abend war es angenehm still, ja, es herrschte Frieden!

Der Zufall wollte es, daß ich im Dorf Aspach auf einer niedrigen Mauerbrücke eine kurze Pause einlegte. Schon in Gedanken vertieft, saß ich da , immer mein Spazierstock mit Silbergriff und eingraviert“W.ELSNER,WEISSTEIN“, da näherte sich jemand , nach und nach ein paar Schritte mehr. Wahrscheinlich war es ein Neugieriger! Wir kamen ins Gespräch. Ein paar Einzelheiten, wie üblich, fragte ich über die Ereignisse, sowie über die Befreiung, ob es hier im Dorf selbst oder vielleicht in meinem Heimatort Zivilopfer gegeben hätte? Dazu sagte er, ja, es gab Tote. Und ich fragte, ob die Gerüchte der Wahrheit entsprachen? Er sagte, ja, es ist wahr! Zufällig fragte ich nach den Namen. Darauf hörte ich meinen Namen! Im ersten Augenblick wollte ich es nicht glauben, doch ich sagte ihm, daß es noch eine Familie mit dem selben Namen gäbe. Darauf sprach er von einem Mann, der getötet wurde. Er war Schneider. Bestürzt sagte ich, ich bin sein Sohn! Einen Augenblick herrschte Totenstille. Es war für mich ein Schock und es war mir, als hätte sich ein Abgrund vor mir geöffnet. Nach und nach hat sich der Anwesende zurückgezogen. Ich saß da und irgendwie kam ich mir verlassen vor! Aber damit muß ich selbst fertig werden.

Der Tag ging zu Ende und die Dämmerung wich mehr und mehr der Nacht. Ich hatte
bereits schon ein Stück Weg zurückgelegt und war kurz vor der „Steige“. Es war bereits dunkel. Hinter mir sah ich einen Lichtschein. Es mußte ein Radfahrer sein, und so war es auch. Er hielt an und sprach mich mit meinem Namen an. Auch ich hatte ihn erkannt. Es war der Wirt von“Spechbach“. Er bemühte sich, mir die Vorkommnisse zu erleichtern. Schließlich wußte ich nur vom Tote meines Vaters. Er hatte mir dazu noch mitgeteilt, daß auch meine Schwester Helene sowie ein Nachbarsjunge durch Granaten getötet wurden. Dies alles ist furchtbar und schmerzlich. Es gab noch unzählige Einzelschicksale von Menschen. Sie starben, weil es der Krieg so forderte. Immer nach dem Warum zu fragen! Ich möchte gerne an den Frieden glauben. Bis heute ist
FRIEDE nur ein Wort!

Je näher ich an das Dorf kam, herrschte in mir eine bedrückende Atmosphäre. Der Weg führte am Friedhof vorbei und gerade dort war mein nächtlicher Besuch! Mir schien dies der längste und schwierigste Weg zu sein, den ich je in meinem Leben zurückgelegt hatte! Die Entfernung zu meinem Elterhaus war nicht mehr weit, etwa noch hundert Meter. Von irgendwoher klang das Bellen eines Hundes. Ich verharrte einen Augenblick. Das Bellen könnte eventuell unser Hund „Sülly“ sein? Schließlich kannte ich ein Signal, es war ein Versuch, ein schriller Pfiff. Das Bellen hatte aufgehört und es dauerte eine Weile, und der Hund war da. Er sprang mir hoch, ja- er hatte mich sofort erkannt und das nach über einem Jahr Abwesenheit! Es war ein einzigartiges Tier, immer aktiv. Ja, seit jeher gilt der Hund als Freund des Menschen. Wildklopfenden Herzens bog ich von der Dorfstraße ab und hinunter in den Seitenweg. Es sind nur noch wenige Meter zum Elternhaus. Nun, ich stand da, wollte nicht gleich an die Haustüre pochen, nachdem meine Mutter sich wahrscheinlich zur Ruhe gelegt hatte.
In mir stieg etwas Zweifel und Bedenken auf, ob ich auch wirklich alles,“was einst war“,
wieder finden werde? Doch es sollte anders kommen!

Mein Hund, mein Begleiter, der war lebenslustig. Er sprang hin und her, gab ab und zu einen Laut von sich. Ein kurzes Bellen und darauf wurde meine Mutter aufmerksam. In diesem Augenblick hörte ich meine Mutter:“wer esch doo“? „Ja, Mamma, ech bess“!
Mit diesen Worten haben sich die Wege des Lebens alles zum Besten gewendet. Schließlich das Wiedersehen, sowie diese langersehnten Stunden, das Gefühl, dies kann man nicht beschreiben,- hatte ganz private Gründe, und die will ich gerne für mich behalten!

Ignace Brobst, ein unfreiwilliger Soldat der Wehrmacht.


      

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Selbstportrait mit 19 Jahren